„In Deutschland kann man überall gut leben“

Interview mit Prognos-CEO Christian Böllhoff und Regional-Experte Peter Kaiser

Prognos-Geschäftsführer Christian Böllhoff (Bildnachweis: Koroll)

Herr Böllhoff, Prognos hat in einer umfassenden Studie für das ZDF die Lebensqualität in Deutschlands Regionen untersucht – ohne einen einzigen Bürger zu befragen. Wie geht das denn?

Christian Böllhoff: Das war eine ganz bewusste Entscheidung. Das ZDF wollte wissen, wie gut die Lebensumstände in Deutschlands Kreisen und kreisfreien Städten sind. Es gab zwei Anforderungen: Erstens sollten objektive Zahlen aus seriösen Quellen genommen werden. Zweitens sollten alle 401 Kreise und Städte direkt miteinander vergleichbar sein. Die persönliche Zufriedenheit wollten wir ausklammern, da sie ja sehr viel subjektiver ist.

Inwiefern?

Peter Kaiser: Wie wir aus Studien wissen, hat jeder Mensch ganz eigene Gründe, warum er dort, wo er wohnt, am liebsten ist. Vielleicht hat er in diesem Ort seine Familie gegründet oder seine Freunde leben dort. Auf der anderen Seite kann er vielleicht eine bestimmte Stadt nicht ausstehen, weil ihm die Atmosphäre oder das Image nicht gefällt. Zudem gilt: Natürlich gibt es viele Menschen, die in einer Stadt auf den hinteren Rängen sehr glücklich leben und sicherlich auch einige Menschen, die unzufrieden in einer Spitzenreiter-Stadt leben. Das wollten wir aber nicht messen.

Böllhoff: Dennoch liegt der Deutschland-Studie der Ansatz zugrunde, den Blickwinkel der Menschen einzunehmen. Selbstverständlich bedeutet Lebensqualität für jeden etwas anderes – der Sportwagen-Fahrer hat andere Vorstellungen als ein PKW-loser Bahnfahrer, ein Opernliebhaber andere als ein Kneipengänger oder Naturfreund. Aber es gibt Bereiche, die für besonders viele Menschen von besonders hoher Wichtigkeit sind.

Kaiser: Genau, die Glücksforschung beschäftigt sich seit einigen Jahrzehnten mit der Frage, welche Rahmenbedingungen Menschen in ihrem Wohlgefühl beeinflussen.

Und welche sind das?

Kaiser: Dazu gehören unter anderem Gesundheit, Versorgung, Wohnen, Arbeit, Sicherheit, Freizeit und Erholung. So finden es die meisten Menschen wichtig, wie sie wohnen, wie hoch die Mieten sind, ob es Ärzte in der Nähe gibt, ob die Sonne scheint oder auch wie es um die Luftqualität beschaffen ist. 53 solcher Kriterien haben wir in der Deutschland-Studie erhoben. Dabei wurden nur Daten erfasst, die auch für alle 401 Kreise und Städte vorliegen – und eine Unterscheidbarkeit innerhalb Deutschlands darstellen. Überregionale Faktoren wie „Leben in Frieden“ oder „Leben in einem Rechtsstaat“ gelten in der Bundesrepublik allgemein. Deshalb haben wir sie nicht mit einbezogen.

Prognos-Experte Peter Kaiser

Wo leben und arbeiten Sie denn?

Böllhoff: Als Geschäftsführer beantworte ich das mal für die gesamte Firma: Prognos hat Standorte in Basel, Berlin, Bremen, Brüssel, Düsseldorf, Freiburg, München und Stuttgart. Viele Kollegen wohnen auch im Umland dieser Städte, mehr oder weniger ländlich, etwa im Schwarzwald oder im Landkreis Verden.

Kaiser: Ich wohne in Bremen.

Also auf Platz 335. Dann geht‘s Herrn Kaiser ja ganz schön schlecht, jedenfalls verglichen mit den Kollegen in München.

Böllhoff (lacht): So soll man die Studie ja gerade nicht lesen. Wir haben nicht versucht, individuelles Wohlbefinden zu messen. In Deutschland kann man überall gut leben. Die Deutschland-Studie ist vielmehr ein Versuch, die objektiv messbaren Rahmenbedingungen für ein gutes Leben auf Kreisebene zu erfassen. Insofern kann die Studie auch als Diagnosewerkzeug dienen.

Wie meinen Sie das?

Böllhoff: Wer in einer Region Verantwortung trägt, der kann sich die Ergebnisse im Einzelnen ansehen und findet ganz konkrete Ansätze zur Verbesserung. Die Studie zeigt: Was können wir tun, um das Leben für unsere Bürgerinnen und Bürger besser zu machen? Sei es direkt vor Ort, auf Landes- oder Bundesebene oder bei der EU. Nur einige wenige Faktoren sind nicht beeinflussbar – so zum Beispiel die Lage am Meer oder Sonnenstunden. Vieles andere aber haben Wähler und Politiker selbst in der Hand. Auch manches Fördersystem könnte anhand der Studie überprüft werden: Erhalten die richtigen Regionen Hilfe, oder sollte man die Mittel anders einsetzen? Ich würde politisch Verantwortlichen raten, sich die Ergebnisse der Studie genau anzusehen – um herauszufinden, wo sie noch etwas verbessern können. Denn selbst bei den Regionen auf den ersten Plätzen gibt es noch eine Menge Luft nach oben. Selbst dem Spitzenreiter München fehlen ja noch rund 90 Punkte zur Maximalpunktzahl.

Das klingt, als ob es noch große Baustellen in Deutschland gibt. Stimmt das?

Kaiser: Dies herauszufinden war nicht Aufgabe der Deutschland-Studie. Wenn Sie mich aber als Regionalwissenschaftler fragen: Es fehlt insbesondere bezahlbarer Wohnraum für große Teile der Gesellschaft. In Deutschland sind in den letzten Jahren rund 1 Mio. Wohnungen zu wenig gebaut worden. Dies führt zu erheblicher Anspannung in vielen Wohnungsmärkten und erreicht zunehmend auch das Land.

Böllhoff: Ein anderes Thema ist sicherlich der Investitionsstau. In vielen Standorten und Regionen fließen so große Summen in die Schuldentilgung, dass zu wenig Mittel für Investitionen bleiben. Und das obwohl Deutschland einen beachtlichen Milliardenüberschuss macht. In den Städten und auf dem Land muss dieser Investitionsstau aufgelöst und zukunftsorientiert investiert werden. Dafür sollte der Bund die Einnahmen der Kommunen stärken. Als Weg dafür böte sich ein höherer Gemeindeanteil an der Umsatzsteuer an. Gleichzeitig braucht es einen neuen Solidarpakt - einen Deutschlandfonds. Ziel sollten strukturschwache Städte und Regionen sein - in Ost und West gleichermaßen.

Einige fordern den Land-Soli. Was halten Sie davon?

Kaiser: Genauso wie es strukturschwache ländliche Gebiete gibt, gibt es auch strukturschwache städtische Regionen. Ein Land-Soli macht genauso wenig Sinn wie ein Stadt-Soli. Das muss differenzierter betrachtet werden. Insgesamt braucht es mehr Solidarität von starken Regionen mit schwachen Regionen.

Was bedeutet das Ergebnis für jemanden, der in einer schlecht abschneidenden Region lebt?

Böllhoff: Für den Einzelnen dort ist die Bedeutung erstmal relativ gering. Denn auch Regionen im Mittelfeld oder auf den hinteren Plätzen, können sehr lebenswert sein und die Menschen dort individuell glücklich. Die meisten Menschen leben gerne dort, wo sie leben. Das ist gut so, und daran ändert glücklicherweise auch unsere Studie nichts. Die Deutschland-Studie bietet aber die Chance für Bürgerinnen und Bürger, sich anzuschauen, was in ihrer Region im Argen liegt. Vielleicht inspirieren die Ergebnisse den ein oder anderen, sich für niedrigere Mieten oder bessere Kinderbetreuungsmöglichkeiten in seinem Kreis einzusetzen oder auch mal ganz konkret bei seinen Abgeordneten nachzufragen: Wie sorgt ihr in der Landeshauptstadt für unsere Schulen? Was tut ihr im Bund dafür, dass die Rahmenbedingungen für Bauen und Wohnen besser werden?

Wie unterschiedlich sind denn die Lebensverhältnisse in Deutschland?
Böllhoff: Die Spannweite zwischen den einzelnen Ergebnissen ist insgesamt noch überschaubar. Zwischen den vordersten und den hinteren Plätzen liegen weniger als 100 Punkte. Der letzte in der Rangliste (Gelsenkirchen) hat 109 Punkte, der erste (München) 207 Punkte. Alles in allem ist das Bild ähnlich, wie es sich häufig in der Fußballbundesliga darstellt. Es gibt ein sehr großes und eng beieinanderliegendes Mittelfeld. Einige Regionen haben sogar fast gleiche Punktzahlen. Aber selbst zwischen diesen gibt es messbare Unterschiede, da sie ihre Punkte in unterschiedlichen Bereichen erzielen. Die eine Region ist ganz stark bei den Freizeitmöglichkeiten und dafür nicht so stark im Bereich „Arbeit & Wohnen“, die andere Region verzeichnet in diesem Bereich wiederum viele Punkte, schneidet dafür aber bei „Gesundheit & Sicherheit“ schlechter ab. Am Ende haben beide vielleicht eine ähnliche Punktzahl – die Vorzüge und Probleme sind aber völlig unterschiedlich.

Kaiser: Städte beispielsweise weisen häufig gute Gesundheitsversorgung und Freizeitangebote auf, während gutes Abschneiden von Landkreisen in vielen Fällen etwas mit Luftqualität und Natur zu tun hat. Ländliche Kreise, die Touristen anziehen, haben häufig ein überdurchschnittliches Kulturangebot und eine gute Gesundheitsversorgung. In der Kategorie „Gesundheit und Sicherheit“ gibt es kaum Unterschiede zwischen Ost und West. Auf dem Land gibt es dagegen sehr große Unterschiede bei der gesundheitlichen Versorgung.

Es gab ja schon eine ganze Reihe an Untersuchungen über die Lebensverhältnisse in Deutschland. Wie fügt sich die ZDF Deutschland-Studie da ein?
Böllhoff: Die Deutschland-Studie ist das erste umfängliche Ranking zu den Lebensumständen in Deutschlands Regionen, das alle 401 Kreise und kreisfreien Städte miteinander vergleichbar macht. Damit in das Ranking keine subjektiven Sichtweisen hereinspielen, haben wir einen quantitativen Ansatz gewählt, der rein auf objektiven, statistisch erfassten Daten basiert. Somit unterscheidet sich die Deutschland-Studie von Studien aus den vergangenen Jahren: Es wurden bewusst keine subjektiven Sichtweisen von Bürgerinnen und Bürger mit einbezogen. Die Deutschland-Studie kann damit eine sinnvolle Ergänzung in der Debatte um Lebensverhältnisse in Deutschland darstellen. Sie ist nicht besser oder schlechter als andere Ansätze – sie ergänzt das Bild.

 

Deutschlandweites Ranking auf der ZDF-Webseite

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Die Methodik

Das Punkteverfahren

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